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  • AutorenbildMarie-Avril Roux SteinkĂŒhler

đŸ‡©đŸ‡Ș Plagiat an der Sorbonne


Ein Professor, der im Nationalen UniversitĂ€tsrat sitzt, ĂŒbermittelt einem Kollegen an der Sorbonne inoffiziell eine unveröffentlichte Habilitationsschrift aus einer vertraulichen Akte. Der entsprechende Kollege veröffentlicht in einem neuen Buch unter seinem Namen Passagen aus dieser Schrift, ohne ihre Verfasserin zu zitieren. Er verteidigt sich gegen den Vorwurf des Plagiat unter dem Vorwand, die Freiheit der Forschung sei verletzt, wenn er nicht auf seine Weise Gebrauch von der Habilitationsschrift machen dĂŒrfe. Ein Bericht des Delegierten fĂŒr wissenschaftliche IntegritĂ€t der Sorbonne-UniversitĂ€t befindet, es gebe kein Plagiat des Kollegen, der dort inzwischen Professor an der LiteraturfakultĂ€t geworden ist.


Dies ist nicht die Meinung des Kassationsgerichtshofs, der, wie zuvor auch schon das Berufungsgericht und das Pariser Gericht erster Instanz, zu dem Schluss kam, dass das Recht des plagiierten Forschers auf Offenlegung verletzt wurde (Civ. 1. 20. Mai 2020).

In seiner Entscheidung vom 20 Mai 2020, Az. 10201 F, wies der Kassationshof, die oberste Gerichtbarkeit Frankreichs, den Antrag eines Professors der Sorbonne auf Revision einer gegen ihn ergangenen Entscheidung des Pariser Berufungsgerichts vom 27.03.2018 zurĂŒck. Zuvor wurde sowohl in erster Instanz als auch in der Berufungsinstanz aufgrund von TextĂŒbernahmen ohne Quellenangabe und der unerlaubten Veröffentlichung einer damals noch nicht publizierten Habilitationsschrift eine Urheberechtsverletzung durch die Gerichte bejaht. Der Kassationshof hat in seiner Entscheidung vom 20.05.2020 nunmehr festgehalten, dass die gegen die frĂŒheren Urteile angefĂŒhrten Argumente keine Revision rechtfertigen; eine BegrĂŒndung der Entscheidung erĂŒbrige sich, da an den zwei frĂŒheren Entscheidungen nichts zu revidieren sei.


Somit bestĂ€tigt der Kassationshof die Verletzung des Urheber - und Veröffentlichungsrechts. Entgegen der Argumentation des KlĂ€gers befand der Hof, dass weder die mĂŒndliche Habilitationsleistung noch die Zusendung des Manuskriptes bei Bewerbungen, noch die zu dessen Thema gehaltene VortrĂ€ge als Veröffentlichung des Werkes betrachtet werden dĂŒrfen. Da das Werk noch nicht veröffentlicht war, dĂŒrfe sich der KlĂ€ger in der Folge nicht auf das Zitatrecht berufen. In dem Fall stellen sowohl Zitate als auch die ErwĂ€hnung des Namens der Autorin in Fußnoten eine Verletzung des Veröffentlichungsrechts dar. Nur der Autor / die Autorin bestimme ĂŒber den Zeitpunkt und die Art der Veröffentlichung.

Die Entscheidung des Kassationshofs bestĂ€tigt auch die SchutzfĂ€higkeit des Originalwerks und folgt den beiden Gerichten in erster Instanz und in der Berufung in deren EinschĂ€tzung, dass ohne Angabe der Quellen ĂŒbernommenen Textstellen eine Rechtsverletzung darstellen, mithin in anderen Worten ein Plagiat vorliegt.


Schließlich weist das Urteil den Antrag auf eine ÜberprĂŒfung der VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit der Rechte zurĂŒck. Bezugnehmend auf die EuropĂ€ische Menschenrechtskonvention argumentierte der KlĂ€ger hierbei, dass die Rechtsanwendung des Urheberrechts seine Meinungs- und Forschungsfreiheit verletze. Der Kassationshof wies jedoch auch dieses Argument zurĂŒck.

In vielerlei Hinsichten dĂŒrften die in dieser Angelegenheit zwischen zwei Geisteswissenschaftlern ergangenen drei Urteile (Tribunal de Grande Instance de Paris, 12.05.2016; Cour d’appel de Paris, 27.03.2018; Cour de Cassation, 20.05.2020) einen PrĂ€zedenzfall darstellen. Von Bedeutung fĂŒr die akademische Gemeinschaft ist in erster Linie, dass unveröffentlichte Manuskripte, die bei Bewerbungen oder ForschungsantrĂ€ge eingereicht werden, nicht als „veröffentlicht“ im Sinne des Urheberrechtes gelten dĂŒrfen. Man darf sie nicht zitieren – und schon gar nicht Passagen ohne Angabe der Quelle ĂŒbernehmen ohne der Zustimmung ihres Autors, der „allein das Recht zu bestimmen hat, ob, wann und wie sein Werk zu veröffentlichen ist“.



Cour de Cassation - 20 mai 2020
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Cour d'Appel - 27 mars 2018
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